#MarcInside | Locke weg

Okay, ich gebe es zu: Ich bin eitel, nicht in jedem Bereich, aber was mein blondes Haupthaar angeht, auf jeden Fall – ich möchte mir noch nicht vorstellen, was geschieht, wenn die Natur ihren Lauf nimmt und mich blankziehen lässt. *Horrorgedanken wegschiebt*

Seit ich längere Haare zur Seite gescheitelt mit Sidecut trage, fechte ich regelrechte Scharmützel mit meiner Frontlocke, nennen wir sie Johnny, aus und ziehe meistens den Kürzeren – ein törichter Schelm, wer daraus auf irgendeine Männlichkeit schließt. Johnny ist ein richtiger Querdenker, ein Querulant, ein Zoffmaker, denn er will sich nie anpassen, sondern stets eigenständig sein und sich von der Menge abheben. Wäre Johnny ein Mensch, würde ich ihn unterstützen, aber er ist eine Haarsträhne – und was für eine.

Das zur Ausgangslage.

Also gehe ich seit Jahren mit dem Streckeisen gegen Johnny vor, nur um dann wenige Stunden später mitansehen zu müssen, wie er sich wieder lockt. Egal was ich tue: Johnny wins. Er ist wie eine Wünschelrute: Er findet selbst die allerkleinsten Wassermoleküle – ja selbst H2O-Atome oder gar deren Gottesteilchen (sollte es das geben) –, absorbiert sie aus der Umwelt, nimmt sie in sich auf und zieht daraus Kraft und was tut er mit dieser unbändigen Energie? Nicht etwa glänzen oder wachsen, nein. Er wellt sich! Ist das zu fassen?

Letzten Freitag hat mich mein Frisör darauf aufmerksam gemacht – warum er erst nach drei Jahren damit kommt, ist mir ein Rätsel –, dass es eine chemische Glättung gibt, die er mir empfehlen könnte. Nachdem er mir versichert hat, dass sich darin keine krebsfördernden Substanzen mehr befinden, habe ich eingewilligt und einen Termin auf heute vereinbart. Irgendwie hat Johnny mitbekommen, dass es ihm an den Kragen gehen soll, denn fast augenblicklich wurde er steif – das mit dem Schelm, lest bitte oben. Tja, Termin ist fix, da kommst du nicht mehr raus, mein Lieber.

Heute hat mich dann eine Tortur sondergleichen erwartet, aber wie lautet das Sprichwort? Wer schön sein will … Die Glättungsprozedur beginnt mit einer Zweifachschamponierung (natürlich mit Spezialshampoo). Dann wird angetrocknet und ein die Haare schützendes Mittelchen aufgetragen, bevor das eigentliche Wunderserum, das Johnny den garausmachen wird, gemischt wird. Sorgfältig wird es mit dem Pinsel aufgetragen und um zu beweisen, wie unbedenklich es ist, sollte Hautkontakt vermieden werden. Noch macht es Spaß und vor allem freue ich mich darauf, Johnny Lebewohl zu sagen – aber noch ist es nicht so weit. Zum Glück weiß ich auch noch nicht, welches Martyrium auf mich zukommt. Einer Oma gleich, werde ich unter die Wärmehaube gesteckt und dreißig Minuten durchgegart – hab ich darum jetzt Kopfweh? Schwitzend und innerlich fluchend geschieht gar nichts, es ist alles wie immer, aber die Haare bleiben feucht. Was dann folgt, dürfte die wohl längste Haartrocknung in der Geschichte meines Lebens sein. Mit Rundbürste geht es zur Sache und das so lange, bis Qualm aufsteigt. „Das ist ganz normal“, beschwichtigt mein Frisör, während sich meine Eingeweide schmerzhaft zusammenkrampfen und ich am liebsten laut schreiend wegrennen würde. Nicht meine Haare! Es sind bereits die ersten Fortschritte zu sehen, sofern es der Qualm zulässt. (Habe ich schon erwähnt, dass ich langsam mal aufs Klo gehen sollte?) Nachdem er meine Haarpracht gefühlte zwanzig Minuten mit vollem Körpereinsatz getrocknet hat, rückt der Haardompteur mit einem überdimensional großen Glätteisen an, steckt es ein und wartet, bis die keramischen Platten ihre volle Hitzeleitfähigkeit erreicht haben. Er setzt an und zieht die erste Strähne glatt. Die Rauchentwicklung würde jeden Feuermelder auslösen, aber zum Glück haben sie im Studio keine … obwohl? Mittlerweile sitze ich schon eineinhalb Stunden in diesem verdammten Stuhl – für euch Frauen dürfte das normal sein, aber ich bin meistens in einer halben Stunde durch. Innerlich spreche ich mir also Mut und Durchhaltewillen zu, als ich es entdecke.

Gold.

Meine Haarspitzen sind golden! Ein verdammtes güldenes Blond! Aaaaah, kreisch. Ich stammle nur noch, als hätte ich einen epileptischen oder einen Schlaganfall. „Es gibt Kunden bei denen geschieht das. Das beheben wir im Nachgang.“ Ah, wirklich?! Wieso reichen die den Patienten keine Schadensverzichtserklärungen oder eine Auflistung mit bekannten Nebenwirkungen?!

Meine schönen Haare.

Lethargisch und vollkommen emotionslos sitze ich im Stuhl und sehe dabei zu, wie auch die letzte Strähne geglättet wird. Meine Steuerungszentrale hat einen automatisch indizierten Notfallshutdown durchgeführt, um die Restgehirnaktivität zu erhalten und schlimmere Schäden an der Membran zu verhindern. Gestützt auf meinen Frisör bringen sie mich erneut zur Waschstation. Ich sacke komatös in den Stuhl und schließe meine Augen, weil ich nichts sehen will – in meinem Geiste spiele ich schon die Möglichkeiten durch, die mir noch bleiben. Will ich nicht Goldlöckchen in einem Theaterstück geben, obwohl, jetzt hab ich ja gar keine Locken mehr, dann muss ich mich wohl oder übel einsargen lassen. Während mir die Frisörin in Ausbildung Luft zufechert, waltet ihr Chef seines Amtes, schamponiert, repariert und kleistert. Nachdem die Aufbaukur zehn Minuten und die Mach-aus-Gold-Hellblond-Kur weitere fünf Minuten einwirken konnte, wird gespült und ich zurück zu meinem Platz geschleppt.

Meine Augen sind verweint und gerötet.

Wie? Was? Als sich der Schleier vor meiner Sicht langsam hebt, sehe ich, dass es geklappt hat. Johnny ist weg, tot, ausradiert und das beste: Ich habe hellblonde Haare. Keine güldenen, nein, hellblond. Ha! Und es hat nur zwei Stunden, eine Nahtoderfahrung und eine seelische Verkrüppelung gebraucht, um der widerborstigen Locke den Gnadenschuss zu versetzen. Und wisst ihr was? Ich vermisse ihn schon jetzt – aber nur ein bisschen –, weiß aber, dass er in sechs Monaten wieder bei mir sein wird.

Johnny forever.

 

 

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